2. Essay - Franz Boas und seine Nachfolger
Was macht den Zusammenhalt von Gesellschaften aus und wie sind sie aufgebaut? Wodurch unterscheiden Gesellschaften sich und welche Gemeinsamkeiten haben sie? Welchen Einfluss hat Sprache auf die Art und Weise, wie Menschen ihr Leben gestalten?Das sind nur wenige von vielen Fragen mit denen sich unter anderem Franz Boas beschäftigte.
FRANZ BOAS (1858 – 1942)
Franz Boas stammt aus einer jüdischen Familie und wurde am 7. September 1858 in Minden in Deutschland geboren [1]Schon als Kind hat er sich für Naturwissenschaft interessiert und studierte schließlich Geographie an der Universität in Heidelberg und in Bonn.
1883 erforschte er die physische Umgebung und das Wissen der Bewohner über die Umwelt bei den Inuiten auf der Baffin-Insel (Kanada). Dadurch verabschiedete er sich von seiner Einstellung, dass der Mensch von der Umwelt beeinflusst wird und beschäftigte sich intensiver mit der Anthropologie.
Danach kehrte er für kurze Zeit zurück nach Deutschland jedoch sollte seine Karriere ihren weiteren Verlauf in Amerika nehmen [2]. 1886 wanderte er aus und betrieb eine Forschungsreihe bei den Kwakiutl. Durch diese Erkundung wurde die evolutionistische Theorie von Lewis Henry Morgan erstmalig eindeutig in Frage gestellt. Die Kwakiutl waren nämlich nicht, wie behauptet, eine Gesellschaft der untersten Entwicklungsstufe, sondern sesshafte Jäger und Sammler. Sie besaßen ein ausgeprägtes Kunsthandwerk, üppige Holzhäuser mit Totempfählen und vor allem eine starke innere soziale Hierarchie. [3] Seine Forschungsergebnisse zu deren Geschenketauschzeremonie, dem so genannten „Potlach“ wurden unter anderem vom französischen Ethnologen Marcel Mauss in Anspruch genommen. Boas' Erfahrungen bei den Kwakiutl beschäftigten die Anthropologie über viele Generationen [4].
1896 – 1936 war er als Lehrer an der Columbia University in New York tätig. Sein Department wurde schnell zu dem Zentrum der amerikanischen Anthropologie.
Franz Boas war eigentlich ein guter Feldforscher. Im Gegensatz zu den Evolutionisten reiste er sehr viel und hat Sprachen gelernt. Aufzeichnungen waren für ihn von großer Bedeutung und er sammelte viele Kunstobjekte und Skelette. Ingesamt hat er 12 Feldforschungen vor allem an der Nordwestküste Amerikas unternommen. [2]
Die grundsätzlichen Themen, mit denen sich Boas bei seinen Erkundungen beschäftigte waren:
-Kunst
-Mythologie
-und Sprache. [5]
THEORIEN
Sprache war für ihn gleichbedeutend wie Kultur. Es reicht nicht aus nur „dabei zu sein“, sondern man muss sie von Kind auf erlernen. Seiner Meinung nach werden durch die Sprache oft Barrieren aufgebaut, da sie schwer zu erlernen ist und doch kommt es erst durch sie zum Ausdruck von Kultur. [3]
Weiters analysierte er die Sprache grammatikalisch und unternahm sogar Schädelabmessungen um physische Merkmale, bzw. Variationen und Unterschiede in der Sprache feststellen zu können.
Er machte Verteilungsstudien über kulturelle Phänomene (z.B. Wie ist der Ablauf einer Produktion von Töpfen?)
Das Verhalten eines Volkes wird nicht wesentlich durch biologische Abstammung bestimmt, sondern durch seine Kultur und Tradition.
Er ist nicht nur der Gründervater der „Cultural Anthropology in Amerika“, sondern durch ihn wurde der Evolutionismus zurecht kritisiert und er war verantwortlich dafür, dass die Anthropologie z.B. in Universitäten und Museen sesshaft und anerkannt wurde. [6]
Franz Boas verdankt man den „4-Field-Approach“ bestehend aus:
1.) physischer Anthropologie
2.) Archäologie
3.) Linguistik
4.) Sozial- und Kulturanthropologie [2]
ursprünglich war er nur für die Erforschung der indigenen Bevölkerung Nordamerikas gedacht. Der Erfolg sprach aber für sich und der „4-Field-Approach“ wurde zu einem Grundprinzip in der amerikanischen Anthropologie. [6]
Eine seiner bedeutendsten Theorien ist jene des klassischen Kulturrelativismus.
Kulturrelativismus
Durch den Kulturrelativismus kam es zu einer Neuetablierung von theoretischen Grundannahmen in der Anthropologie und alte Denkansätze wurden somit verworfen.
Nach Boas ist jede Kultur relativ und nur aus sich selbst heraus erfahr- und erklärbar.
Man unterscheidet grundsätzlich zwischen schwachem und starkem Kulturrelativismus.
Beim schwachen Kulturrelativismus konzentriert man sich darauf, dass jede Kultur Besonderheiten aufweist und gleichzeitig auch verschiedene Gemeinsamkeiten. Erst durch die Herauskristallisierung der Einzelheiten stößt man auf die Gemeinsamkeiten.
Vertritt man jedoch den starken Kulturrelativismus, so ist man der Meinung, dass jede einzelne Kultur so starke Unterschiede aufweist, dass man sie kaum mit anderen vergleichen kann. Das Relative ist somit absolut. Diese Haltung wird jedoch oft als ethnozentristisch bezeichnet, da von Grund auf behauptet wird, dass eine Gesellschaft anders als die andere sei.
Boas selbst kann man zu den schwachen Kulturrelativisten zählen. Seine relativistische Theorie diente auch dazu, um gegen Rassismus, Antisemitismus und Glaubensfanatismus zu argumentieren. [7]
Seine wichtigsten Werke waren unter anderem:
1911 The Mind of Pimitive Man
1926 Primitive Art
1928 Anthropology and Modern Life
1938 General Anthropology (Kritik am Rassismus)
1940 Race, Language and Culture
Boas starb am 21. Dezember 1942 bei einem Mittagessen, das zu seinen Ehren gegeben wurde. Er stammelte seine letzten Worte „I have a new theory of race...“, und bevor er weitersprechen konnte, starb er in den Armen der Person, die neben ihm saß: Claude Lévi-Strauss. [5]
NACHFOLGER
Franz Boas Studenten (viele davon auch deutschsprachig) entwickelten seine Lehre mit Enthusiasmus weiter. In der amerikanischen Anthropologie zählt die Boas’sche Generation zu den Wichtigsten in der ersten Hälfte des 20. Jhdt.
1. Generation
Alfred Kroeber (1876 – 1960)
Er war ein starker Kulturrelativist und Verdienste von ihm sind, dass er sich schon früh um eine Dokumentation der aussterbenden Völker Australiens bemühte und dass er die verschiedenen Kulturen der nordamerikanischen indigenen Bevölkerung in Kulturareale, also in Gebiete von genereller kultureller Ähnlichkeit, einteilte. [8]Robert Lowie (1883 – 1957)
Geboren in Wien, wanderte er schließlich nach Amerika aus und beschäftige sich weiterführend mit dem schwachen Kulturrelativismus. Seiner Meinung nach ist Kultur dynamisch und verändert sich ständig. [3]2. Generation
Ruth Benedict (1887 – 1948) und ihre Assistentin Margret Mead (1901 – 1978)
Als „starke Kulturrelativistin“ und beeinflusst von Friedrich Nietzsche wurde Ruth Benedict vor allem durch ihre Nationalcharakterstudien bekannt.Ihre wichtigsten Werke waren:
-Patterns of Culture (1934) – berühmtestes und meisterkauftes Werk in
der Ethnologie
-Race - Science and Politics (1940)
-The Chrysanthemum and the Sword - Patterns of Japanese Culture (1946).
Diese Arbeit wurde im Auftrag des „office of war information“ geschrieben.
Das amerikanische Militär wurde dadurch strategisch beraten – der Gegner
sollte besser verstanden werden.
Sie beschäftigte sich mit dem Phänomen, warum Gesellschaften, die geographisch in einer ähnlichen Umgebung leben (oft sogar Nachbarn sind) so unterschiedlich sein können. In ihrem Werk „Patterns of Culture“ verglich sich 3 Gemeinschaften: die Zuni (New Mexiko), die Dubuans (Melanesien) und die Kwakiutl (Nordwestküste Amerikas). Als Schlussfolgerung stellte sie fest, dass etwas, was in einer Kultur für wichtig empfunden wird in der anderen oft als verrückt gilt, und umgekehrt. [2]
Kritisiert wurde sie dafür, dass ihre Ansichten oft zu Stereotypisierungen und Schürungen von Vorurteilen führten und somit in Verbindung mit dem Nationalismus gebracht wurden. Sobald man einen starken Kulturrelativismus vertritt ist ein Missbrauch der erforschten Information oft unumgänglich (Ausforschen von (Kriegs-)gegnern). [3]
Margret Mead, beeinflusst durch Sigmund Freud, ist der Überzeugung, dass Kultur die Persönlichkeit eines jeden Einzelnen prägt.Durch ihre Forschungen kam sie zum Ergebnis, dass die uns bekannten Geschlechterrollen kulturell bedingt seien und nicht genetisch vorgegeben. Sie war die erste Person, die diese Tatsache empirisch zu belegen schien und gab damit den gesamten Sozialwissenschaften neue Impulse. [9]
Außerdem studierte sie die sexuelle Freizügigkeit von heranwachsenden Mädchen in Samoa. Ein bekanntes Werk von ihr war „Coming of Age in Samoa“ (1928), wofür sie später oft kritisiert wurde, da M. Mead meinte, dass vorehelicher Geschlechtsverkehr ohne Liebesverhältnis als normal angesehen wurde, und dass jugendliche Rebellion nicht existierte. [5]
Edward Sapir (1884 – 1939)
In Zusammenarbeit mit seinem Schüler Benjamin Lee Whorf (1897 – 1941) entwarfen sie die „linguistischen Relativitätstheorie“ – Sprache prägt das Denken und das Denken konstruiert wiederum die Wirklichkeit. Wie schon für Boas das „Ausdrücken“ sehr wichtig war, so galt für Sapir und Whorf die Sprache als primärer Ausdruck von Kultur und alles andere war nachrangig. Jedoch haben sie zum damaligen Zeitpunkt gewisse Dinge, wie das Aufwachsen 2-sprachig erzogener Kinder bzw. die Migration, oder den Aspekt, dass Kinder bereits wahrnehmen können noch bevor sie sprechen, außer Acht gelassen.Boas revolutionäre Ansätze über den schwachen Kulturrelativismus sind heute noch in der Kultur- und Sozialanthropologie anzufinden. [3]
Quellenverzeichnis
[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas
[2] persönliche Mitschrift zum Tutorium von Daniela Digruber und Andrea Ben Lassoued zur Vorlesung von Univ. Prof. Dr. Andre Gingrich „Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie“ vom 02.12.2005 an der Universität Wien
[3] persönliche Mitschrift zur Vorlesung von Univ.Prof. Dr. Andre Gingrich „Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie“ vom 09.11.2005 an der Universität Wien
[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas
[5] vgl. Barnard, Alan; "History and Theory in Anthropology" 2000, Cambridge University Press, London und Chicago, Kapitel 7 "from relativism to cognitive science", S. 99
[6] vgl. Barth Fredrik, Gingrich Andre, Parkin Robert, Silverman Sydel, “One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology”, 2005, The University of Chicago Press, London und Chicago; Kapitel 1 von Silverman Sydel “The Boasians and the Invention of Cultural Anthropology”, S. 258
[7] persönliche Mitschrift zur Vorlesung von Univ.Prof. Dr. Andre Gingrich „Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie“ vom 11.01.2006 an der Universität Wien
[8] http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Kroeber
[9] http://de.wikipedia.org/wiki/Margaret_Mead





